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DatenFLUT   Leseprobe       

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6.1   Vom Einzelgehirn zum Metagehirn

Kaum eine andere menschliche Tätigkeit wird so bevorzugt als elitärer Vorgang interpretiert wie die geistige Tätigkeit.

Weil herausragende mentale Leistungen einzelner Personen selten genug vorkommen, werden sie oft überschätzt, in der Art, dass die vorhergehende Arbeitsteilung gar nicht mehr wahrgenommen wird. Tatsächlich aber liefert gerade diese Arbeitsteilung das notwendige Fundament elitärer Leistungen [243] S.114:

„Allgemeine Arbeit ist alle wissenschaftliche Arbeit, alle Entdeckung, alle Erfindung. Sie ist bedingt teils durch Kooperation mit Lebenden, teils durch Benutzung der Arbeiten Früherer.“

Selbst ein so ausgeprägter Einzeldenker wie Isaac Newton war sich darüber im Klaren [244] :

„If I have seen further it is by standing on the shoulders of Giants.“
(Wenn ich weiter gesehen habe als andere, so darum, weil ich auf den Schultern von Riesen gestanden habe.)

Wenn aber mehrere Personen gleichzeitig oder nacheinander über ein bestimmtes Problem arbeitsteilig nachdenken, dann bilden deren Gehirne, so behaupte ich, zeitweilig ein gemeinsames Gehirn aus Gehirnen.

Dies nenne ich ein „ M e t a g e h i r n ".

Dabei verwende ich das griechische Präfix   μετα   im Sinne von „über-“ (wie in Metagalaxis, Metakritik oder Metasprache) bzw. in Anlehnung an den biologischen Begriff „Metazoon“ für das vielzellige Lebewesen, das entwicklungsgeschichtlich nach dem einzelligen Protozoon folgte.

Wer also hinter dem Begriff Metagehirn irgendwelche Neuigkeiten zur Meta- bzw. Parapsychologie oder gar zur Metaphysik vermutet, den muss ich leider enttäuschen. Es geht hier lediglich um eine rationelle Beschreibung der Funktionsweise geistiger Arbeitsteilung.

Auch eine einzelne Person kann mit sich selbst ein Metagehirn bilden, indem sie eigene Aufzeichnungen aus früheren Zeiten als Gedächtnishilfe benutzt und damit die Leistungsfähigkeit des normalen Einzelgehirns überschreitet.

Ein Metagehirn setzt somit eine geistige Arbeitsteilung voraus, an der mindestens  ein  lebender Mensch teilnimmt. Das gilt auch dann, wenn die geistige Arbeit mit Maschinen geteilt wird (nicht aber: von Maschinen allein).

Offensichtlich hat sich das kollektive, arbeitsteilige Denken im Verlauf der letzten dreihundert Jahre enorm entwickelt, während die Einzelgehirne der beteiligten Menschen immer noch die gleiche biologische Struktur aufweisen wie früher.

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Beispiele zur Gruppenintelligenz (von Metagehirnen) sind überall dort zu finden, wo  Menschen  gemeinsam  oder  nacheinander  an einer bestimmten Aufgabe arbeiten, sei es beim Bau eines Hochhauses oder bei der Herstellung eines Flugzeuges.

Sowohl in dem einen als auch in dem anderen Fall kann selbst der genialste Chefkonstrukteur im vorgegebenen Bearbeitungszeitraum bestenfalls neben der Gesamtzielsetzung nur wenige Details geistig erfassen.
Die Mehrzahl der Informationen über die tausend Einzelheiten sind den zahlreichen Mitarbeitern zugeordnet, angefangen vom Entwerfen der Detailzeichnungen bis hin zum Wissen über die fachgerechten Handgriffe zur Montage verschiedenster Bauteile.

Wenn jemand im Krankenhaus operiert wird, so ist die betreffende Person in der Regel mit Stolz erfüllt, wenn der Chefarzt sie persönlich operiert.
In Wirklichkeit aber ist bei jeder Operation ein Metagehirn im Einsatz, das vom Chefarzt bis zur jüngsten beteiligten Krankenschwester reicht. Auch wenn der leitende Arzt maßgeblich den Erfolg bestimmt - allein würde er die Operation nicht ausführen können. Nicht nur deshalb, weil er nicht genug Hände hat.

Natürlich findet auch dann eine geistige Arbeitsteilung statt, wenn Wissen benutzt wird, das nur niedergeschrieben vorliegt, unabhängig davon, ob die Verfasser der benutzten Schrift noch leben oder nicht. So gesehen hat auch Einstein mit Newton zeitweilig ein Metagehirn gebildet, oder Marx mit Ricardo.

Wenn ein Ingenieur mit Hilfe eines modernen CAD-Systems (Hardware und Software zur rechnergestützten Konstruktion) am Computer-Bildschirm ein Bauteil konstruiert, bildet er mit dem CAD-System ebenfalls ein Metagehirn. Weder der Ingenieur allein noch der Computer für sich wäre jeweils in der Lage, das Bauteil im vorgegebenen Zeitlimit zu entwerfen, sauber zu zeichnen und für spätere Veränderungen so elegant zugänglich und präzise abzuspeichern.

Eine Gruppe zusammengeschalteter Computer bildet jedoch kein eigenständiges Metagehirn. Auch ein Verbund von Maschinen bleibt nur okkupierte Materie. Um daraus ein Metagehirn zu formieren, ist mindestens noch ein Mensch erforderlich.

Schließlich zielt auch die allgemeine Schulbildung unter anderem darauf ab, die Schüler für eine zukünftige Teilnahme an Metagehirnen zu befähigen. Dazu dient das Erlernen des Lesens, des Schreibens und Rechnens ebenso wie die Förderung kontaktfreudigen Verhaltens.

Jedenfalls nimmt die seit Jahrtausenden praktizierte Überschreitung der Leistungsfähigkeit der menschlichen Einzelgehirne infolge „profaner“ Arbeitsteilung durch die moderne Informatik einen noch nie dagewesenen Aufschwung.

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6.2   Glanz und Elend der geistigen Arbeitsteilung


Metagehirne haben im Vergleich zu den Einzelgehirnen schon längst dramatische Ausmaße angenommen. Die sichere Beherrschung einer Technologie, die Millionen Transistoren auf einem einzigen Prozessorchip mit nur wenigen Quadratmillimetern Ausdehnung zu einem funktionsfähigen Produkt zusammenführt, legt davon eindrucksvoll Zeugnis ab.

Aber auch die Weltraumfahrt oder die Erzeugung elektrischer Energie in Atomkraftwerken, die Gentechnologie oder die dynamische Optimierung riesiger Wirtschaftseinheiten ist jeweils nur möglich durch das gezielte Zusammenwirken von Tausenden und Abertausenden Menschen über Jahre und Jahrzehnte hinweg.

Beispiele zum Glanz der geistigen Arbeitsteilung lassen sich also mühelos finden.

Das Elend aber kommt noch öfter vor.

Zunächst einmal repräsentieren die soeben genannten Beispiele genau die Großprojekte, bei denen die eindrucksvollsten Havarien auftreten.

Die Probleme beginnen aber schon bei der geistigen Arbeitsteilung einer einzelnen Person mit sich selbst. Das betrifft insbesondere unerwünschte Erinnerungslücken, die gelegentlich vorkommen.

Andererseits wird damit im positiven Sinne eine gesunde neuro-psychologische Schutzfunktion unserer Gehirne realisiert: Was vergessen wird, kann so wichtig nicht gewesen sein.

Wir würden ohnehin alle an Datenüberflutung zugrunde gehen, wenn unsere Kurzzeitgedächtnisse nicht als Siebe konstruiert wären.

Allerdings trägt das „Gebrechen“ unserer Vergesslichkeit zum Glanz der Arbeitsteilung entscheidend bei.

Dadurch erst werden wir gezwungen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen und damit den entscheidenden Schritt vom „eklektizistischen“ Denken (dem Einsammeln jedes bits ohne Bewertung) zum kreativen Denken zu vollziehen.

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6.4   Die Grenzen der Metagehirne

Die vielen Personen, die bisher versucht haben, die Fermatsche Vermutung zu beweisen, hatten zeitweise eine Gemeinsamkeit: Sie haben über das gleiche Problem nachgedacht und dabei ein spezielles Metagehirn gebildet, das sich um ein bestimmtes Denkziel gruppiert.

Es gibt aber auch Metagehirne ohne Ziele. Dazu gehören Konversationen über belanglose Themen; wenn also mehrere Personen miteinander sprechen und dabei ihre Meinungen und Gefühle austauschen.

Metagehirne mit Denkzielen dagegen können äußerst langlebige Strukturen sein, die sogar Jahrtausende überdauern, wenn z.B. die Schrift als Speichermedium genutzt wird.

Dabei kommt es nicht darauf an, ob das Denkziel erreichbar ist oder nicht und ob es auf richtigen oder falschen Annahmen beruht. Das gemeinsame Denkziel muss nur eine Bedingung erfüllen:

Es muss interessant genug sein!

Die Teilnahme an einem Metagehirn erfolgt aus der Sicht des Einzelnen immer nur zeitweise. Solange eine bestimmte Person über ein konkretes Thema nachdenkt, bildet sie mit ihrem Gehirn einen Teil des entsprechenden Metagehirns. Hört sie auf, darüber nachzudenken, ist dieser Zustand sofort beendet. Denkt sie irgendwann einmal erneut über das Thema nach, ist sie wieder Teilnehmer dieses Metagehirns.

Das gilt auch für  Sie  in diesem Augenblick: Sie bilden jetzt beim Lesen dieser Zeilen mit mir ein Metagehirn zum Thema „Metagehirn“ innerhalb einer größeren Thematik zur Datenflut. Wann immer Sie in Ihrem weiteren Leben darüber nachdenken, werden Sie erneut Teilnehmer dieses speziellen Metagehirns sein.

So einfach und so kompliziert (zeit- und raumversetzt) funktionieren alle unsere Metagehirne.

Metagehirne sind in höchstem Maße flexibel. Werden sie als zielorientierte Systeme gebildet, so lösen sie sich häufig nach Erreichen des Zieles wieder auf, um erneut in anderer Zusammensetzung zu entstehen.

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